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Montag, 28. September 2015

what deserves to be preserved



 
(Ctrl +click on the title shows you the way into it)
 

We live in our own experience, as part of a common, human social world. This is different to the system of the earth which mostly is not experienced directly at all. It is either out of our reach or we lack orientation to it. We only access that which is in the human world already. Our experience is socially mediated. This is the common world of social constructions we live in.

According to
Heidegger, great artists establish connections between the earth and the world and through their work introduce new existence into the human sphere. Their artifacts and happenings create new ontologies thereby expanding and enriching the world. They disclose that which is concealed by tradition.

Art "at its greatest ... 'grounds history' by 'allowing truth to spring forth'". (
Martin Heidegger via Iain Thomson)

Art gives humanity an outlook on itself and helps to establish what is important in life as well as what deserves to be preserved.

Posted 2 days ago by Neil Horne

Montag, 26. Januar 2015

N A T U R



„ Natur, Natur !

                    Was  soll mir  das ? “

1.    Natur ist „da“ –  vorhanden, um uns rum.

1.1     Die  gegenwärtige Natur schliesst Menschen mit ein. (das war nicht immer so & muss nicht so bleiben)

1.2     Natura naturata: „von Natur aus“

 

1.3     Natur ohne Menschen

1.31 Strenges Nur-Natur Gebiet?

1.32 Natur vor der Zeit der Menschen (auf Terra / der Erde1)  Erden2 als anorganisch. Erde3 als Wurzelboden, Lebensraum nicht-menschlicher Lebewesen. Erde-Feuer-Wasser-Luft: Naturphilosophie

1.33 Natur nach dem „Aussterben“ des Lebewesens MENSCH. Menschgemachtes noch fortwirkend einige Zeit …

 

2. Natur lebt.

2.1  natura naturans: Natur bringt sich (Natur+Mensch) hervor.

2.2  Leben als Entwicklung innerhalb der natura naturans. Menschen stammen aus dieser natura naturans und blieben in naturnaher Lebensweise lange Zeit (Sammler, Fischer, …)

2.3 Menschen entwickeln eine „2te Natur2 in sich, kultivieren sich und schaffen um sich herum eine für sie freundliche „kultivierte Natur“. Dies führt uns zur begrifflichen Unterscheidung von Natur1 (geworden durch natürliche Evolution, Aspekt der natura naturans) und Natur2: entstehend seit der neolithischen (Jungsteinzeit/Abschmelzen der Vereisung großer Flächen) Revolution der Lebens-form. Auftreten von Landwirtschaft, Holzeinschlag, Abgrenzungen, Häuserbau, Sesshaftigkeit, Bewässerung, Fabrikation von Keramik, Bergbau, Verhüttung, …

2.4 Technisch veränderte Natur1Stoffe werden zu Natur2Stoff & „Abfall“. Die parallel zur zivilisatorischen Entwicklung der „2. Natur“ (Kultur) steigende menschliche Erdbevölkerung und die Umwandlung  von Natur1, ihr Verbrauch malt uns eine menschenleere Natur3 an die Wand. 

Menschenleere Natur kann auch nicht-menschgemacht eintreten, z.B. durch Einschlag eines genügend grossen Asteroiden. Es handelt sich dann nicht um eine Folge unsrer Handlungen, sondern um ein „Widerfahrnis“. So rast am 26. JAN 2015 ein Gesteinsbrocken von ca. 500m Durchmesser in nur 3facher Mondentfernung mit 15 km/sec am Planeten Erde vorbei. Schlüge er hier ein, wäre „ein Land wie D komplett zerstört“, heisst es … Ein auf 10 km Durchmesser berechneter Koloss schlug vor 65 Mio Jahren ein, dies löste einen Klimawandel aus … die Dinos starben aus.

3. Was tun ?  Neue Naturphilosophie als Lebensphilosophie

Platon und die Abkehr des reifen Sokrates von der vorsokratischen Alten Naturphilosophie

Philosophieren mit der Enkelgeneration

Samstag, 1. November 2014

Philocafé 15.NOV

 
 

 
 

Liebe Philosophie-Interessierte

 am Samstag,  15.11., findet im Alten Schloss in Bern-Bümpliz um 14°° wieder das  Philosophische Café  statt. Es ist dem Thema MARTIN HEIDEGGERS „Schwarze Hefte“ gewidmet.

Wer sich vorab einen Eindruck verschaffen will ist hingewiesen auf:
https://www.youtube.com/watch?v=Wnqk6cYbzFU die Verlagsvorstellung mit Klostermann (Verleger), Kaube (FAZ-Geisteswissenschaften) und Trawny (Herausgeber der "Schwarzen Hefte" im Verlag Klostermann)

Mike Roth gibt eine Einführung und anschliessend wird es wie immer eine gemeinsame Diskussion geben. Wir freuen uns über alle, die kommen!

 Liebe Grüsse im Namen der  an Vorbereitung und Leitung des Philocafés Beteiligten

                              
Praxis  Detlef Staude Indermühleweg 5   CH - 3018 Bern Fax: +41(0)31 544 30 63

+41 (0) 79 26 511 53 Susanna Staude     philomail@philocom.ch  www.philocom.ch 

 

 Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ – um 1930 bis nach 1969

Peter Trawny in GA 96-278f: sie „sind ungefähr Mitte der siebziger Jahre ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach gebracht worden…( und ) Heidegger habe geäußert, dass sie ganz am Schluß der Erstellung der Gesamtausgabe veröffentlicht werden sollten.“

 Peter Trawny, 2014 2. Aufl., Heidegger und der Mythos der  jüdischen Weltverschwörung

GA 96 - S. 53, Anm. 40 : statt XV à XIV ; GA 69 & die Anm. 39 (1.Aufl. Anm. 37) in Trawny 2014, 2. Auflage, S. 52, beginnt der Anmerkungstext mit einer kleinen philologischen Sensation: „Im Buch fehlt … (ein) Satz. Er steht im Manuskript (Martin Heideggers), doch er findet sich nicht in der Abschrift (des Bruders Fritz)…, der ihn wohl „gestrichen“ hat. Im Sinne der Ausgabe „letzter Hand“ haben die Herausgeber und der Nachlassverwalter damals entschieden, den Satz nicht zu veröffentlichen“ in GA 69 (1998).


Liebe Christine, Du hast mir diesen Band nun mitgebracht aus der Universitätsbibliothek (Konstanz):  was denkst denn Du, wer "die Herausgeber" sind? Die Anmerkung beginnt ja mit: "Im Buch fehlt dieser Satz." ... Fritz hat ihn "gestrichen" = einfach nicht abgetippt. "Er steht im Manuskript" - und ich hab mich gefragt: seit wann weiß Trawny das?

Nun stellt sich zu meiner Überraschung heraus: mindestens seit 1997! Und statt "die Herausgeber" lese ich (als Bandherausgeber von GA69)  nur den Namen:  Peter Trawny. Es haben also "Herausgeber und Nachlaßverwalter damals entschieden, den Satz nicht zu veröffentlichen" in der Heidegger GA, Band 69 GESCHICHTE DES SEYNS /Ein Beitrag von Eggert Blum in: DIE ZEIT 47/2014 gibt mir nun eine Erklärung für den Plural: der Bandherausgeber (Trawny) + der "leitende Herausgeber der Gesamtausgabe" (v. Herrmann) sowie der  Rechtehalter Herrmann Heidegger; siehe dazu die Wiedergabe der Argumentation   auf  http://feigenblaetter.blogspot.de/2014/12/marke-heidegger.html

           DEN Satz lesen und Trawny Text dazu


Aus einem ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Buch „Technik und Lebenswirklichkeit“ (Richter/Schwarke, Hrsg.) möchte ich einen im Wesentlichen 2012 verfassten Text  anklingen lassen zur Bedeutung Heideggers – vor Bekanntwerden der „Schwarzen Hefte“. Anne - Maren Richter schreibt p. 37f: "Seit Sokrates ist es die Aufgabe der Philosophie, das Alltägliche zu hinterfragen. Dazu gehören auch solche Fragen, die eine Gesellschaft lieber ungefragt lassen möchte.  PhilosophIn stellt demnach unsere Sicht der Welt in Frage und eröffnet damit die Möglichkeit eines neuen Blickes auf die Selbstverständlichkeiten unseres Daseins...zeigt ihre Grenzen auf, und ... überschreitet ... sie gelegentlich auch (Anm. zu Heideggers „Sein und Zeit“). Philosophieren  heißt, sich auf den Weg des nie endenden Fragens zu machen, um so den nach Heidegger falschen Weg einer Verwissenschaftlichung und Systematisierung der Philosophie zu vermeiden … Heidegger will … das Staunen … auf Dauer stellen. Das Denken soll immer beim Anfang bleiben, der nicht in der Vergangenheit liegt, sondern uns immer voraus liegt und künftig ist.“
  http://ev-akademie-wittenberg.de/person/anne-maren-richter
 http://www.exzellenz-netzwerk-arw.uni-halle.de

Und im 20 000 mal gekauften Buch von Markus Gabriel 2013 holt sich der "Neue Realismus" prominente Unterstützung unter dem mehrschneidigen Titel  Holzwege:  Wenn wir auf
WELTbild stoßen, müssen wir vermuten, dass wir uns im Einzugsbereich des Konstruktivismus befinden. Auf diesen Umstand habe schon Heidegger in seinem Aufsatz "Die Zeit des Weltbildes" hingewiesen:
Weltbild wesentlich verstanden, meint ... nicht ein Bild von der Welt, sondern: die Welt als Bild begriffen. Das Seiende im Ganzen wird jetzt so genommen, dass es erst und nur seiend ist, sofern es durch den vorstellend-herstellenden Menschen gestellt ist." (S. 163)

Ich führe diese beiden Beispiele als Beleg an, dass Martin Heidegger heute wieder gern herangezogen wird, auch von jüngeren DenkerInnen.
 
Beim Café philo 15. Nov 2014 BERN (altes Schloss Bümpliz) konzentriere ich mich auf „Schwarze Hefte 1938-1939“ GA 95,  „Schwarze Hefte 1939-1941“ GA 96 (und den zeitgleich entstandenen (laut Trawny2014, S. 52)  Text „Die Geschichte des Seyns“ GA 69).  Das ist einerseits die Zeit, in der eine gewisse Abkühlung der Begeisterung (zu Beginn des Rektorats 1933) eingesetzt hat, andrerseits wird nun das >sei/ynsgeschichtliche< NARRATIV (Trawny 2014- 19f, 21f, 25f, 30, 33, 38, 44, 48, 52, 54ff  ) verschärft. Meine erste Frage ist: was macht den Denker selbstgewiss: „aber wir wissen den anderen Anfang, wissen ihn fragend – (vgl. S. 76-79)“ // Lässt sich etwas „fragend wissen“? // GA 96, S. (3) – „ (   )“  rückgezählt von der ersten paginierten Seite.

 „Vormals konnten die Denker ihren Gedanken in ein >>Werk<< niederlegen“ GA96-52 (Bezug auf die Buchseite). „Künftig muss der Gedanke zu einem Gedankengang werden“  - was das wohl heissen mag? – „der nicht vom Seienden zum Seyn, sondern vom Seyn“ –und was ist darunter zu verstehen?- „in dessen Wahrheit führt.“  Und dieser „Gang“ sei „Anlauf“, „Anlauf zum Sprung“. Ziel: „das Seyn als Ab-grund erspringen“.

Was passiert, wenn in einen Abgrund gesprungen wird, wissen wir. Etwas erringen kennen wir auch. Und entsprechend: erspringen, etwa von einer abtreibenden Eisscholle auf den Rand des noch mit dem Land verbundenen Eises springen können und so sich retten… Freilich gehören Scholle und Eisesrand zum „Seienden“ und liefern ein bloßes Bild für einen „Einsprung in das Sein“ GA96-89.

Bleibt hier unberücksichtigt was >Sein<  im Unterschied zum Seienden ist und dann noch der Unterschied zwischen Sein (mit i) und Seyn (mit y). (10 Seiten später: „hier das Seyn und seine Wahrheit, dort das Sein als Seiendheit des Seienden“ GA96-99)

Ferner ist offen, was aus >Abgrund< wird, wenn durch den „Heidegger Strich“ die Neubildung (gesprochen)  >Ab (pause) grund<  (mit Betonung beider Bestandteile) wird. Auch wenn offen bleibt, was unter >Sein< zu verstehen ist, ist Martin Heideggers Hauptpunkt eine Beschwörung von „Seinsverlassenheit des Seienden“ (89) und es liegt nahe ihn zumindest so zu verstehen, dass es ihm darum geht, die Frage nach >>nicht vom Sein verlassenem Seiendem<< zu stellen:  - „Der Seinsentwurf ist der nächste Grund für das … Verhältnis des Menschen zum Anderen, zum Ding und zu sich selbst. Dieser Grund aber ist nächster – der kaum gestreifte Rand des Ab-grundes, als welchen / Grund? Ab-grund? /  das Da in Da-sein gegründet wird … als … Er-eignis … Lichtung der Verweigerung.“ (88) Starker Tobak? Der Philosoph als Gedankenlyriker und Bereiter schwerverdaulicher Kost?  Stellt sich hier vielleicht auch die Frage: Ist der Denker von dieser Welt?

Im von Peter Trawny herauspräparierten NARRATIV  (einer Erzählstruktur), zuerst (Trawny2014-19) in einer Vorlesung 1932, also ein Jahr vor Hitlers Machtantritt und Heideggers Rektorat, angedeutet und dann  in einigen Varianten in den „Schwarzen Heften“ weiterverfolgt, fand Heidegger gemäß der Deutung Trawnys: „das Narrativ eines Endes und eines Anfangs, das er mindestens anderthalb Jahrzehnte als die >Seinsgeschichte< immer wieder bedenken konnte“ (19).

/Gerade die geheimnisvolle Redeweise erleichtert den Übergang vom philosophischen Er-eignis zu den politischen Ereignissen. („Das >Er-eignis<, das Heidegger auf verschiedene Weise ausdenkt, kann nicht mit einem Wort ausgesagt werden, wenn es überhaupt ausgesagt werden kann.“ ( so Peter  Trawny, Adyton. Heideggers esoterische Philosophie, 2010, 94) ádytos=unbetretbar / geheim; ádyton  hieß der (für Besucher) „unbetretbare“ innerste Raum griechischer Tempel)/
Im Text der Sommervorlesung 1932 notierte (so Trawny2014 – 20)  sich Heidegger einen Hinweis auf „Überlegungen II“, das erste erhaltene „Schwarze Heft“ (heute einsehbar in GA94). Trawny kommentiert: „… die politische Lage (war) brisant. Da drängte sich der Eindruck auf, die Figur des Anfangs müsse wiederholt werden. Was Heidegger  philosophisch zur Sprache brachte, beschränkte sich nicht auf sein Denken, sondern ereignete sich plötzlich weltgeschichtlich“ (20).

In der fortgesetzten politischen Bewegung Am-deutschen-Wesen-soll-die Welt-genesen ist eine Parallele zur herausgehobenen Rolle der Griechen und der Deutschen in der ersten personalisierten Fassung von Heideggers Narrativ: „ >Die Griechen< haben den >Anfang der abendländischen Philosophie< markiert. Wenn dieser Anfang in sein Ende übergeht, haben sie selbst … Anteil daran. >Die Deutschen< wiederum befinden sich an der Stelle, wo dieses Ende geschieht, indem es im >Abendland< ankommt… indem >die Deutschen< den Anfang bei >den Griechen< zu durchschauen beginnen, sind sie es, die nun den Anfang anders zu wiederholen vermögen.“ (Trawny2014-26)

In einem wohl (s. Nr. 49: Heute) 1932 entstandenen Notat des ersten erhaltenen Schwarzen Heftes heisst es: „Der Deutsche allein kann das Sein ursprünglich neu dichten und sagen – er allein wird das Wesen der θεωρία neu erobern“ GA94-27 (Nr. 71)

Im Abschnitt 168 wird  die Frage aufgeworfen: „Müssen wir heute … mit dem Philosophieren abbrechen- … muß der Abbruch  ebenso vollzogen werden wie der Anfang – so daß dieses Aufhören ein eigenstes Geschehen … werden müßte- …dieser Abbruch zur Eröffnung des Anfangs, zum Wiederanfangen … würde.“  GA94-66

Im Zentrum des NARRATIVS standen Ende und Anfang, Griechen und Deutsche. Trawny: „in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre…  (GA95: Überlegungen VII – XI. Schwarze Hefte 1938-39) … tauchen die Juden oder das Judentum unvermittelt zum ersten Mal als Akteure des seinsgeschichtlichen Narrativs auf.“ (Trawny2014-33) Peter Trawny weist hin auf Überlegungen VIII. Abschnitt Nr.4  beginnt: „Was jetzt geschieht, ist das Ende der Geschichte des großen Anfangs des abendländischen Menschen“ (GA95-96) Der „jetzige Mensch“ habe „längst das Wagnis des Seyns verlassen“. „Was jetzt als dieses Ende geschieht, bleibt … gerade denen … zu wissen versagt, die ausersehen sind, dieses Ende … zu beginnen.“  Heidegger schreibt vom Bodenlosen „in den verschiedensten und gegensätzlichsten Gestalten“, das gerät „in äußerste Feindschaft und Zerstörungssucht.“  GA95-97 ist vom „Zerrbild des >Kampfes<“ die Rede, in dem siege vielleicht „die größere Bodenlosigkeit, die an nichts gebunden, alles sich dienstbar macht (das Judentum).“ HIER das unvermittelte erste Auftauchen. Der folgende kurze Abschnitt 5 behauptet „zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens, wodurch die Weltlosigkeit des Judentums gegründet wird.“

Doch der „Sieg“ des Bodenlosen steht in Anführungsstrichen. Davon abgehoben wird „der Sieg (ohne Anführungszeichen) der Geschichte über das Geschichtslose“. Er werde „nur dort errungen, wo das Bodenlose sich selbst ausschließt, weil es das Seyn nicht wagt, sondern immer nur mit dem Seienden rechnet und seine Berechnungen als das Wirkliche setzt.“ GA95-97 "Eigentlicher Sieg" / Endsieg ?

Ist es einsichtig, wenn Trawny dies seinsgeschichtlichen Antisemitismus nennt?  Ist es nachvollziehbar, wenn RA Arnulf Heidegger, Enkel von Martin in einem Grusswort auf der Feier des 125. Geburtstags in diesem Jahr in Heideggers oberschwäbischer Geburtsstadt Meßkirch erklärt, dass die Familie Heidegger sich  Trawnys Deutung   nicht zu eigen mache?
                                    Diskussion
Eine Frage aus Lima: Wie leitet man das philosophische Café, wenn, sagen wir mal, mehrere Teilnehmer (oder gar die meisten) empathisch mit Martin Heidegger, versuchen eine antisemitische Position zu rechtfertigen, indem sie anfangen über die ... Existenz einer jüdischen Weltverschwörung oder ... Bodenlosigkeit der Juden, usw. zu plaudern? Es gehe also tatsächlich nicht um das Verstehen, sondern um das seynsgeschichtliche Sein, so wie es uns durch das Dasein veroffenbart wird. = Es geht nicht darum, zu analysieren, was da passiert ist, sondern um die richtige Offenbarung der Geschichte des Deutschen Volkes, die nur durch das Deutsche Volk erfasst werden kann (ich beziehe mich hier auf das Video, auf das du hingewiesen hast https://www.youtube.com/watch?v=Wnqk6cYbzFU)
... darf Jede/r irgendwelche Hasspredigt halten, solange dies mit irgendwelchen Zitaten oder anscheinend rationalen Argumenten begründet wird? Ich stelle dir diese Frage auch, weil wir uns in unserem Café in Lima manchmal mit analogen Situationen auseinandersetzen müssen.

 

Montag, 20. Oktober 2014

protestgedichte: thomas mastronardi


Du musst auf die Strasse
: Thomas‘ Protestgedichte

 

Mit „Du musst auf die Strasse“ beginnt Thomas seinen im Juni 2009 verfassten Gedichtzyklus mit dem Namen „Protestgedichte“. Die verschiedenen Gedichte sind einerseits biografisch geprägt durch seine Erfahrungen in Brasilien und durch seine Tätigkeiten im Bereich der Mediation. Andererseits umfassen sie die an der Existenzialphilosophie (besonders in Anlehnung an die Philosophie der Franzosen Camus und Sartre) orientierten Themen der Gerechtigkeit und Freiheit. Im Gedicht „Protest auf der Strasse“ betont Thomas, wie die von Armut und Ungerechtigkeit Betroffenen ihr „Recht“ erkämpfen können:

 

„Du musst auf die Strasse. / […] Du musst dich organisieren. / Du musst in Gewerkschaften. / Du musst dich solidarisieren. / Zusammen mit den anderen Ausgeschlossenen. / Mit andern vereint erkämpfst du deine Menschenrechte.“[1]

 

Mit dem anaphorischen „Du musst […]“ schimmert der Habitus des kämpferischen Provokateurs durch, wie ihn Thomas gerne einnahm. Das lyrische „Du“ kann, will und soll nicht auf der Strasse für sein Recht kämpfen, sondern es „MUSS“. Thomas stachelte, mit jeweils spitzbübischem Lächeln auf den Lippen, gerne dazu an, über die Extreme nachzudenken, auch der Gerechtigkeit wegen aufs Äusserste zu gehen. Ähnlichkeiten sehe ich da zu der Kampfbereitschaft, wie sie etwa Erich Mühsam im Zuge der Novemberrevolution 1918-1919 äusserte: „Genossen, zu den Waffen! / Heraus aus der Fabrik! […] Und muß dann gestorben sein, / Genossen, wohlan! / Wer für die Freiheit kämpfte, / hat wohl daran getan […]“.[2] Doch war Thomas auch geschichtskundig, belesen und reflektiert genug, nicht in der Provokation des frühen 20. Jahrhunderts zu verharren. Zudem vertrat er auch eine pazifistische Haltung, geprägt von seinen intensiven Studien zum Buddhismus. Diese auf den ersten Blick sich ausschliessenden Haltungen gehören zu den verschiedenen Seelen, die in Thomas‘ Brust schlummerten.

So geht Thomas im gleichen Gedicht darauf ein, dass mit Gewalt kein Frieden erzwungen werden kann:

 

„Du musst deine Rechte im Gespräch einfordern / Gewalt ist keine Lösung […]  Der Frieden liegt im Gespräch. […]“[3]

 

In der nächsten Strophe wird jedoch bereits wieder diese „diskursive“[4] Haltung in Frage gestellt, da die Macht den freien Diskurs einschränkt (vgl. Habermas):

 

„Wenn ich spreche, hört mir niemand zu / Wenn ich bitte, gibt mir niemand etwas […] Unsere Würde liegt im Widerstand / Unser Stolz liegt im Kampf“[5]

 

Es klingen auch hier wieder Töne der Novemberrevolution des letzten Jahrhunderts an, wie sie auch von Ernst Toller literarisch verarbeitet wurden: „Der Feind dort oben hört / Auf schöne Reden nicht. / Macht gegen Macht! / Gewalt [gegen] Gewalt!“[6] Wie auch Gerechtigkeit hergestellt werden soll, es scheint nicht zu gelingen. Als weitere Möglichkeit dazu deutet Thomas das Gesetz an, welches die Rechte und Menschenwürde aller sichern soll:

    „Das Gesetz gibt dir deine Rechte. / Die Verfassung gibt dir deine Menschenwürde. / Die Menschenrechte geben dir deine Freiheit. / Der Rechtsstaat garantiert dir Anerkennung. / […] Du brauchst keine Gewalt im Rechtsstaat.“[7]

 

Hier wird in Anlehnung an Hegel oder Lassalle auf einen „Kulturstaat“ verwiesen, in welchem eine internationale Friedenspolitik angestrebt wird. Doch betont Thomas in seinem Gedicht, dass die Gesetze oft von jenen gemacht werden, die ohnehin bereits über reichlich Macht und Kapital verfügen. Mit den letzten Komponenten lassen sich Gesetze durchaus auch umgehen und aushebeln:

 

„Dein Friede lässt uns verhungern. / Deine Gesetze versklaven uns an euch. / […] Dein Recht ist unser Unrecht. / Dein Friede ist unser Krieg. […]“[8]

 

Thomas erlebte die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit in Brasilien leiblich mit. Induktiv kritisierte er aus seinen Erfahrungen mit Ungerechtigkeit die „Kapitalisten“, die „Konzerne“ und „Grossgrundbesitzer“[9], exemplarisch insbesondere den weltgrössten Nahrungsmittelkonzern Nestlé:

 

„Ich möchte trinken. / Kind, es gibt kein Wasser. / Ich bin durstig. / Kind, Nestlé hat die Quellen abgezäunt. / Hol mir doch Wasser. / Kind, die Mauern sind vier Meter hoch und mit Starkstrom gekrönt. […]“[10] „[…] Ich habe kein Wasser, Kind. / Geh doch auf das Feld nebenan zum Brunnen. / Der Brunnen ist trocken, Kind. / Aber es hatte doch geregnet. / Nestlé hat das ganze Grundwasser abgepumpt.“[11]

 

Auf eine solche ausnehmende Ungerechtigkeit denkt Thomas im Gedicht „Protest auf der Strasse“, nach der Abwägung verschiedener „Kampfmöglichkeiten“, eine pazifistische, auf solidarischen Werten wie u. a. „Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz“ grundierende, Lösung für die „globale Gemeinschaft“ an.[12] In Anlehnung an Rawls (in Bezug auf die Gleichheit und Freiheit) gilt eine

 

  „ […] Gleichheit für Alle. / Freiheit für Jeden. / Liebe zu Allen.“[13]

 

Das Gedicht schliesst damit, dass die Hoffnung auf eine gerechte, friedliche und freie Gemeinschaft nur dann besteht, wenn die angedeuteten Werte ehrlich und aus tiefstem Herzen vertreten werden. Die Hoffnung auf eine solche Gemeinschaft ist insbesondere dadurch bedroht, dass solche Werte heuchlerisch vertreten werden und somit unter dem Deckmantel des „Wohlwollenden“ eine neue Ausbeutung stattfindet: 

 

  „Deine Werte geben dir ein gutes Gewissen. / Damit du die Anderen und die Welt weiter selbstgerecht ausbeuten kannst. / Du sprichst von Werten, aber lebst Konsum. / Du sprichst Liebe, / Aber lebst Egoismus. / Du sprichst von Frieden, / Aber säst Faschismus “[14]

 

Gemäss den zahlreichen Aufsätzen von Thomas zum Thema „Buddhismus“ bedarf es der „Liebe“, der „Kontemplation“, der „Meditation“, der „Kultur des Herzens“ und der „unvoreingenommenen Achtsamkeit“[15], damit diese Werte emphatisch gelebt, gespürt und gefühlt werden können. Damit harmonisch vereint bedarf es ebenfalls des kritischen Geistes und der Infragestellung der (politischen und sozialen) Gegebenheiten. In seinem „Silsergedicht“ beschreibt er das kontemplative In-sich-Gehen, die Verbindung mit der Natur und wirft Fragen auf, deren Antworten immer in der „Liebe“ und im bedingungslosen „Angenommen-Sein“ münden.

 

  „Sils, ein Ort für Zarathustra, / Für Siddharta / Ein kreativer Ort / Kein Konsum-Ort / Ein meditativer Ort. // In Sils sich finden, / Sich neu erfinden, / Nach Innen gehen, / Die ewige Wiederkehr. […] Was spricht der See / Was spricht der Berg / Wenn ich mich mit ihnen / Kontemplativ vereinige? […] Hast du ein Selbst? / Ein wahres, echtes, eigenes? / Nein! / Wieso nicht? / Ich habe viele! / Du nicht? // […] Du bist nie am Ziel. / Du bist der Weg. / Du entwirfst dich / Du machst dich / Jeden Tag, / Jede Nacht/ Neu.// […] Wo bist du? / Du, die ich immer suche. / Du, stark und zärtlich. / Du, die mich liebt, / Die ich liebe. […]“[16]

 

Das Gedicht endet mit einer inneren Zerrissenheit. Das lyrische „Ich“ sucht verzweifelt nach der bedingungslosen Liebe im „Du“. Die Thematisierung der Liebe und Anerkennung zu sich selbst, wie sie mit der Kontemplation, mit dem Meditativen und dem anfänglichen nach „Innen-Gehen“ erwartet wird, löst sich in der sehnsuchtsvollen Suche nach dem „Du“ auf und wird nicht weiter angesprochen. Mit dieser inneren Zerrissenheit und mit vielen offenen Fragen zur Gerechtigkeit möchte auch ich diesen kurzen Vortrag enden lassen.  

 Susanna Staude

 

Literaturangabe zu Thomas‘ Texten:

 

Die Gedichte von Thomas Felix Mastronardi sind unveröffentlicht. Barbara Rom (Via Credera 17b, 6987 Caslano) verfügt über die Rechte der Texte. Wir, das Team vom Philocafé Schloss Bümpliz, bedanken uns herzlich, dass Barbara Rom uns für diese Gedenkveranstaltung Thomas‘ Texte zur Verfügung gestellt hat. (Dies schliesst die Veröffentlichung in diesem blog ein )

 

Mastronardi, Thomas Felix: Buddhismus und Freiheit. Bern 2012.

Mastronardi, Thomas Felix: Essay zum Buddhismus. Ittigen 1996.

Mastronardi, Thomas Felix: Konzerne lassen Menschen verdursten. In: Protestgedichte. Hg. v. Thomas Felix Mastronardi. Band 1 der Reihe Signifix Medien Gedichte. Worblaufen 2009, S. 9.

Mastronardi, Thomas Felix: Nestlé trocknet Brunnen aus. In: Protestgedichte. Hg. v. Thomas Felix Mastronardi. Band 1 der Reihe Signifix Medien Gedichte. Worblaufen 2009, S. 8.

Mastronardi, Thomas Felix: Protest der Strasse. In: Protestgedichte. Hg. v. Thomas Felix Mastronardi. Band 1 der Reihe Signifix Medien Gedichte. Worblaufen 2009, S. 2–4.

Mastronardi, Thomas Felix: Silsergedichte I. Bern 2009.

Mastronardi, Thomas Felix: Wasser hinter Mauern. In: Protestgedichte. Hg. v. Thomas Felix Mastronardi. Band 1 der Reihe Signifix Medien Gedichte. Worblaufen 2009, S. 8.

 

 

Weitere Literaturangaben:

 

Mühsam, Erich: Max-Hölz-Marsch. In: Hirte Chris, Revolutionär oder Radikaldemokrat? Erichs Mühsams Stellung zur „Weltbühne“. Hg. v. Erich-Mühsam-Gesellschaft e.V. Lübeck, 2. Auflage. Lübeck 2003 (= Allein mit dem Wort: Erich Mühsam, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Schriftstellerprozesse der Weimarer Republik). 

Toller, Ernst: Masse-Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts. Hg. v. Wolfgang Frühwald. Stuttgart 2010.




[1] Mastronardi: Protest der Strasse, S. 2.
[2] Mühsam: Max-Hölz-Marsch, S.  41f.
[3] Mastronardi: Protest der Strasse, S. 3.
[4] Vgl. Ebd.
[5] Ebd.
[6] Toller: Masse-Mensch, S. 30.
[7] Mastronardi: Protest der Strasse, S. 3.
[8] Ebd.
[9] Vgl. Mastronardi: Konzerne lassen Menschen verdursten, S. 9.  
[10] Mastronardi: Wasser hinter Mauern, S. 8.
[11] Mastronardi: Nestlé trocknet Brunnen aus, S. 9.
[12] Mastronardi: Protest der Strasse, S. 4.
[13] Ebd.
[14] Ebd.
[15] Vgl. z. B. Mastronardi: Essay zum Buddhismus, S. 1–9.
[16] Mastronardi: Silsergedichte, S. 1–6.